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Volkmar Wirth (ehemals Wirth-Kresse)

DIE ANHÖRERIN
von Andreas Unger, 2019

Viele Berufe und Tätigkeiten verändern sich mit der Zeit. Und Beschäftigungen, die verschwinden, werden durch neue ersetzt. So ist heute, wenn man vom Entscheider spricht, selten das männliche Oberhaupt einer Familie gemeint. Vielmehr geht der Begriff auf einen Mitarbeiter des BAMF zurück, der über die Asylanträge entscheidet.

Andreas Unger hat sein preisgekröntes* Hörspiel einer solchen Entscheiderin gewidmet. Anne Schaller (gesprochen von Susanne Schroeder) war früher Schauspielerin. Sie wechselte in die Amtsstube, versprach ihr diese Tätigkeit doch etwas mehr Sicherheit. Dass ihr die Anhörungen aber sowie die Gespräche im Bekanntenkreis zu ihrem neuen Tätigkeitsfeld so schwer fallen würden, damit hatte sie nicht gerechnet.

Genau auf dieses Spannungsfeld geht das Stück ein: Hier die administrativen Handlungen, die gegenüber jeder Anfechtung möglichst wasserdicht sein sollten und somit groteske Züge annehmen, da ein breites Unverständnis über die Verfahrensweisen der kleinteiligen Befragungen oder dem Grundgebot, eine Bitte um Asyl wenigstens zu überprüfen.

Wer sich mit der Materie wenig oder gar nicht auskennt, der erhält mit dem Stück erste und authentische Hinweise. Mögliche Kenner werden ihre Zweifel hegen, ob die engagierte und gleichzeitig ungemein gefühlsbetonte Ex-Schauspielerin im BAMF auf der richtigen Bühne sitzt.

*) Die Anhörerin erhielt im Juli 2019 durch die Jury der Deutschen Akademie der Darstellenden Künste das Prädikat ‚Hörspiel des Monats‘.

08.10.2019

DER TOD DES IWAN ILIJTSCH – STERBEN IN BERN
von Noam Brusilovsky nach der gleichnamigen Novelle von Leo Tolstoi, 2019

Der Regisseur Amir Kaplan nimmt die Novelle von Tolstoi als Folie und lässt seine eigene Krebs-Erkrankung durch einen kleinen Trupp von Schauspielern darstellen. In dieser Verlagerung auf Schauspieler und auf Bühne will Kaplan sich dem Unvorstellbaren, dem eigenen Tod nähern. Doch das geht schief. Die Darsteller bekommen jene bittere Erfahrung (Diagnose, Behandlung, Therapie), die der Regisseur machen musste, schauspielerisch nicht annähernd hin, wie es dem inzwischen genesenen Anleiter vorschwebt.           

Aus diesen Elementen aus brachialer Nabelschau und dem kreativen Zwist einer Künstlergruppe baut N. Brusilovsky sein Hörspiel. Das klingt kompliziert. Zu fokussiert scheint der Versuch auf die Krankengeschichte Kaplans. Und auf den ersten Blick verschwimmt vollkommen jeglicher Bezug zur Novelle von Tolstoi. Und weil die genannten Einwände stimmen und vielleicht sogar gewollt sind, greift Brusilovsky diese auf und fügt sie als weitere Erzähllinien in sein Stück.
21.07.2019

KATZENGESCHREI
Hörspiel von Adolf Schröder, 1987


Eine betagte Dame sucht im ausgehenden Jahr 1986 über die Studentenvermittlung einen jungen Mann, der ihr ein paar Briefe sortiert. Als Jonas Hauser bei Selma Bruns vorspricht, verschlägt es ihm den Atem. In dem Haus stinkt es nach Katzen. Und auf der Treppe findet der junge Mann einen verwesten Tierkadaver. Darauf angesprochen antwortet die Hausherrin: „Tiere sterben.“

Spätestens an dieser Stelle wird deutlich, dass Jonas keine gewöhnliche Arbeit aufgenommen hat. Natürlich will er sofort kündigen, doch die Frau verdreifacht sein Gehalt. Und das ist für einen Möchtegernschriftsteller, der längst sein Studium an den berühmten Nagel gehangen hat, mehr als verlockend.

Adolf Schröder schrieb viele Hörspiele, vor allem waren es Kriminalstücke, mit denen er aufwartete. In Katzengeschrei erzählt der 2008 in Hamburg verstorbene Autor die Geschichte anhand der sechs Arbeitstage, die Jonas in dem Haus verbringt. Die Briefe, die der zu ordnen hat, schrieb Selma Bruns an ihre Schwester. Doch erreicht haben die Schreiben ihre Empfängerin nie, Almuth Bruns kam im Vernichtungslager Treblinka ums Leben.

Unaufgeregte Dialoge, ein nicht immer beredtes Schweigen zwischen den Sätzen und reichlich Klaviermusik von Bach. Die knappe Stunde erzeugt eine seltsame Atmosphäre: Wie Jonas sogar seiner Freundin nicht zu erklären vermag, weshalb er trotz der Widrigkeiten weiter seinen Dienst bei der alten Dame nachgeht, bleiben seine Beweggründe dem Hörer verborgen.
08.05.2019

DONALDS DONALD
Hasstiraden, Kommandos und Liebesschwüre
Feature von Hofmann & Lindholm, 2018


An sich ist das Wohnen eine feine Sache. Wenn nicht die Nachbarn wären. Wenn nicht der Rentner von unten Tag und Nacht bei offenem Fenster rauchen würde. Wenn das junge Paar von nebenan nicht jeden Abend sich erst in die Haare kriegen würde, um schließlich lautstark am Nachwuchs zu basteln. Und wenn die Kinder nicht immer den Hausflur als Bolzplatz nutzen würden. Von Heinrich Zille stammt der Spruch, man könne mit einer Wohnung einen einen Menschen genauso erschlagen wie mit einer Axt. Ein weiser Mann.

Das Künstlerkollektiv Hofmann&Lindholm lässt in ihrer Radioarbeit Mieter und Hausbesitzer unzensiert ins Mikrofon sprechen. Scheinbare Banalitäten wie das nicht verhangene Fenster oder die Schuhe vor der Wohnungstür werden zu generationsübergreifenden Kriegserklärungen herangezogen. Und nur weil die Pumpgun fehlt, behilft man sich im nachbarschaftlichen Gemetzel mit Schimpfworten.

Bald glaubt man als Hörer, den einen oder anderen zu kennen. Wohnt der, der da von seinem Zwist wegen dem Zaun schwadroniert, nicht im Haus gegenüber? Und die Frau, die ihrem Hund mit ihrer Liebe und den Leckerlies fast erstickt, wohnt doch in der Parterrewohnung. Jeder schimpft und erregt sich über den anderen. Und jeder hat die Wahrheit für sich gepachtet. Wohnen ist Bürgerkrieg mit anderen Mitteln.

Was man selbst von seinen Nachbarn erzählt hätte, hätten Hofmann&Lindholm einem das Mikro, unter Zusicherungen der Anonymität, unters Kinn geschoben, kann jeder nach dem Feature für sich ausmachen.
24.04.2019

KOLYMA
nach Geschichten von Warlam Schalamow, für den Funk von Martin Heindel, 2010

War Alexander Solschenizyn der Epiker, der über die sowjetische Lager berichtete, war Warlam Schalamow der Meister der Kurzprosa. Und wurde Solschenizyn im Westen der gefeierte Star, blieb Schalamow als der große Unbekannte im eigenen Land. Schalamows Geschichten sind frei von Pathos und Weinerlichkeit, sie widmen sich den lichten Momenten im Lager - und den dunkelsten Augenblicken. Er erzählt vom Glück, in der Tasche einen Brotkrümel zu finden. Oder von der halsbrecherischen Lüge eines Gefangenen, um so zu einigen Minuten mehr Schlaf zugelangen. Die Bearbeitung für den Rundfunk verzichtet - im Sinn Schalamows Vorgabe - auf aktionsgeladene Handlungen: das Geschehen ist erdrückend genug. Die Protagonisten wissen zu gut, dass sie eher früher als später umfallen und mit der Erde eins werden.

Ein paar der Natur abgelauschte Geräusche weniger hätten dem Hörstück gutgetan. Wenn die beiden Erzähler vom beschwerlichen Laufen durch den Schnee sprechen und im Hintergrund das Stapfen im selben zu hören ist, wird die Hörerunterforderung ärgerlich. 

Beim Blick auf den Lebenslauf von W. Schalamow ergibt sich die Frage, wie dieser Mensch es schaffte, über das Erlebte zu schreiben. Bereits mit zwanzig Jahren wurde er, der 1907 geborene Autor, das erste Mal verhaftet und verurteilt. Damit begann Schalamows unheilvolle Odyssee durch die verschiedenen Lager des weiten Landes. Denn kaum war er in Freiheit, schob man ihm schon ein neues Vergehen unter. Wie die Vorwürfe immer sonderbarer wurden, summierten sich die Haftstrafen auf verbrecherische Weise. Erst 1951 kam Schalamow frei. Zwei Jahre blieb er noch im Lager, um als Arzthelfer zu arbeiten. Danach schrieb er seine Geschichten aus Kolyma auf. 1982 starb er.
21.01.2019

DIE KAKERLAKENBANDE
von Christian Tielmann, Hörbuch 2017

Die gemeine Küchenschabe zählt sicher nicht zu den beliebtesten Haustieren. Ebenso verhält es sich mit Läusen und Flöhen. Dennoch ist es Ch. Tielmann gelungen, dass der Hörer seinen verengten Blick auf die geselligen Gesellen erweitert. Die Geschichte um Die Kakerlakenbande macht es möglich.

Der pfiffige, dennoch auf Hilfe angewiesene Kakerlake Karate findet mit der dauerbesorgten Kopflaus Liane und dem taffen Floh Sprungbein vorzügliche Partner, um die ungewollte Obdachlosigkeit anzugehen. Eine Aufräum- und Ausmistaktion von Menschen bescherte ihnen, dass sie vor die Haustür gesetzt wurden.

Natürlich müssen die drei wackeren Kämpfer allerlei Klippen meistern. Es gilt den verfressenen wie trägen Igel zu überlisten, mit Radicchio, der wendig-schmierigen Kanalratte ein für alle Seiten akzeptables Geschäft auszuhandeln und sich mit dem Wichtigtuer Rex, dem Haushund zu einigen.

Mechtild Großmann, die neben ihrer Rolle im WDR-Tatort gern ihre ungewöhnliche Stimme diversen Hörbüchern leiht, zaubert allen von Tielmanns erfundenen Figuren einen ganz eigenen Charakter.
12.01.2019

DER WALD
Hörspiel von Martin Heindel, 2017 WDR

Nach wenigen Minuten wird klar, dass es sich bei dem Stück Der Wald um kein gewöhnliches Hörspiel handelt. Es geht nicht um das weise Tuscheln alter Eichen oder das lebensbejahende Schäferstündchen der drallen Gattin des Försters mit dem unbedarften Stalljungen. Heindels Wald wächst. Die grüne Landschaft breitet sich aus, wird maßlos und verschiebt Bundesgrenzen. Und das in Geschwindigkeit, dass die Beobachter gar nicht nachkommen. Die Besatzungen der nervös kreisenden Hubschrauber können nur den unkontrollierten Wildwuchs bestätigen. Schließlich nähert sich der ambitionierte Trupp von Experten den mutierten Amanita muscaria und steht vor des Rätsels Lösung, wird aber von den Fliegenpilzen …

Mehr soll nicht verraten werden. Wer Lust und Laune auf eine mystische Geschichte hat, dem sei das Hörspiel empfohlen. Mittels Kopfhörer und geschlossenen Augen gelingt es, sich mühelos in das raumgreifende Dickicht der Bäume und Schlingpflanzen zu begeben. Heindel, der sein Stück auch selbst inszeniert hat, weiß die Hebel der akustischen Spannung bestens zu bedienen. Das offene Ende der Geschichte mag Beleg dafür sein, dass sich der Wald eines Tages all das zurückholen wird, was ihm die Frau des Försters, der Stalljunge, die Experten und die Piloten der Hubschrauber geraubt haben.
25.12.2018

JOHN JACOB ASTORS LETZTE FAHRT
von Gert Hofmann, 1973
 

Jener John Jacob Astor war ein amerikanischer Unternehmer, der mit dem Untergang der Titanic den Tod fand. Gert Hofmann erlaubte sich in seinem Spiel, der historisch verbrieften Figur zwei weitere Astors an die Seite zu stellen. Das besitzt den Reiz, dass jedes Detail, mit dem die drei Erzähler ihren Astor kenntnisreich umschreiben, die Person als solches immer undeutlicher werden lässt. Umso genauer diverse Zitate oder die farblichen Nuancen der Anzüge zur Sprache gebracht werden, umso loser werden die Puzzleteile. Der Wechsel oder die Aufhebung von Identitäten wird hier lustvoll ins Absurde getrieben, wobei, wie nebenher, die große Katastrophe, auf die die Personen mit dem unsinkbaren Luxusliner zusteuern, dem Funk gemäß samt Schiffsglocken und Wellenschlagen seine szenische Entsprechung findet.
12.12.2018



HERR ALBERT SPEER, ICH LEUGNE NICHT, DASS ES GUT IST ZU LEBEN

Feature von Mechthild Müser, 2009

Mit siebzehn Jahren entkam Roman Halter durch Zufall der Hölle von Auschwitz. Einem Brief, den Halter später Albert Speer zuordnete, war es zu verdanken, dass er in eine Munitionsfabrik fern ab von dem Vernichtungslager kam. Speer, der Lieblingsarchitekt von Hitler, wurde 1942 zum Reichsminister für Bewaffnung und Munition ernannt. Viele Jahre nach dem Krieg nimmt Halter, der seinen Beruf als Architekt mit dem eines Autors und Malers tauschte, Kontakt zu Speer auf. Dieser sieht sich nach 21 Jahren Haft in Spandau privat und gesellschaftlich derart gefestigt, dass er Halter ohne Umschweife antwortet. Der besagte und Leben rettende Brief, so Speer, sei nicht von ihm, wohlmöglich von einem Herrn Schindler gewesen. Trotz dieser Entzauberung entsteht ein Briefwechsel zwischen Speer und Halter, der in einer Einladung zu einem gemeinsamen Essen gipfelt. Halter überlegt ernsthaft, schlägt dann aber doch die Offerte aus und begründet in einem ausführlichen Schreiben seinen Schritt. Selbst auf diese Absage antwortet Speer höflich und verständnisvoll.

Wenige Jahre vor Halters Tod erzählt der seine Geschichte. Während Halter, seine Frau sowie eine Tochter im O-Ton zu Wort kommen, werden die Briefe von Speer verlesen. Wer Speers Memoiren kennt, weiß um die elegante Wortwahl des einstigen Ministers. Während Goebbels in seinen Tagebüchern selten den dumpfen Propagandaton ablegte, bestach Speer stets mit einer distanzierten und gleichsam einnehmenden Sprache.

Das leise, sehr verhaltene Feature lässt Roman Halter und seinen Schilderungen genügend Raum. Mechthild Müser, die Autorin des Radiostücks, tritt nicht einmal in Erscheinung. Sie, die alle zum Reden bringt, schweigt und lässt die anderen erzählen. Wie zum Beispiel Halters Tochter. Wenn die über ihren Vater berichtet, drängt sich die in NY lebende Autorin Lily Brett auf, deren Eltern ebenfalls den Holocaust überlebten. Brett thematisiert in ihren Büchern häufig, welche Anstrengung es ihr bereitet, dass Erlebte ihrer Eltern aufzuarbeiten. Spätestens, wenn die Zeitzeugen nicht mehr befragt werden können, wird die Generation der Holocaust-Überlebenden, die am Echo der geerbten Qual leidet, in den Mittelpunkt des Interesses rücken (müssen).
November 2018 

UNBEKANNTE BEKANNTE
Feature von Fritz Tietz, 2018

Der Autor geht einem Phänomen nach, welches gern wegen seiner angedichteten Nebensächlichkeit verschwiegen wird. Unbekannte Bekannte sind jene Menschen, denen wir täglich begegnen. Darüber hinaus geschieht nichts. Absolut nichts. Obwohl wir den anderen Menschen jeden Tag sehen. Und das seit Jahren. Kein Kopfnicken, kein Hallo. Man sieht sich – und geht seiner Wege.

So sitzt mir jeden Morgen ein Mann in der Bahn gegenüber, den ich in meinem Alter schätze. Für den Bruchteil einer Sekunde treffen sich unsere verschlafenen Blicke, doch keiner von uns verspürt die Lust, Hallo zu sagen. Wenn ich am Abend in meine Straße einbiege, tritt wie auf Kommando eine Frau aus dem Nachbarhaus, um ihren Hund Gassi zu führen. Die Frau hat lila gefärbte Haare und eine Vorliebe für Faltenröcke, die ihr bis zu den Knöcheln reichen. Ich registriere die Frau und bin überzeugt, dass die Frau auch mich bemerkt. Doch mehr passiert nicht. Worüber ich ganz froh bin. Denn wie Fritz Tietz zu Anfang seines Features feststellt: Hat man einmal den Schritt zum Gruß zu seinem unbekannten Bekannten gemacht, ist man verloren. Dann hat man den anderen für den Rest seiner Tage an der Backe. Und das, so Max Goldt, der in dem Radiostück wie Wilhelm Genazino zu Wort kommt, will er nicht. Am Ende müsste er, so Goldt, die Menschen nach ihrem Tod betrauern. Das will er nicht. Er habe genug mit der Trauer zu tun, wenn Menschen, die er kannte, sterben.

Das beliebte Ratespiel: ‚Wer bist du?‘ dient Tietz zur Erwärmung. Vergnügt buchstabiert er durch, was die Leute, denen er täglich über den Weg läuft, möglicherweise antreibt. Doch Tietz verlässt die Komfortzone der wohligen Distanz und begibt sich in die Spur, er will etwas über einige seiner unbekannten Bekannten erfahren. Dabei spürt er jenen Mann auf, mit dem er jeden Morgen den Arbeitsweg teilte. Obwohl sie den gleichen Weg hatten und nebeneinander im Bus saßen, blieben sie einander wortlos und fremd. Auf Grund einer Lappalie quält den Autor lange das schlechte Gewissen. Erst das Gespräch, was Tietz mit seinem nun nicht mehr unbekannten Bekannten führt, räumt den eingebildeten Dissens aus.

Der Autor, der für Blätter wie Titanic oder Kowalski schrieb, erbringt den Beweis, ein Feature muss nicht unbedingt der tönernen Ergriffenheit das Wort reden, es geht auch ohne Abstriche im Niveau mit einer gehörigen Portion Ironie und verhaltenem Witz.
November 2018



DIE GRÜNSTEIN-VARIANTE

Hörspiel von Wolfgang Kohlhaase, 1976

In einer Pariser Gefängniszelle 1939 treffen drei Gestrandete aufeinander. Lodek, ein gesprächsfreudiger Kapitän, ein Grieche, der sich der Kochkunst verschrieben hat und dem deutschen Kaiser nachtrauert sowie Grünstein, ein vorsichtig-abwägender Schlächter, der wegen einer Erbschaft sein Schtetl verlassen hat. Aus purer Langeweile beginnt Lodek mit seinem Brot Schachfiguren herzustellen, obschon seine Zellenbrüder dieses Spiel weder beherrschen noch erlernen wollen. Doch Lodek lässt nicht locker und umgarnt mit dem ansteckenden Eifer eines Spielers, der zum Siegen einen Verlierer braucht, Grünstein, bis dieser wahllos die Figuren übers Feld schiebt. Natürlich verliert der zunächst, bis er mit einem launigen Zug der Seemann schlägt. Dieser ist außer sich, auch als ihn Grünstein ein weiteres Mal Schach matt setzt. Jahre später, Lodek erzählt einem namenlosen Zuhörer diese unerhörte Begebenheit, quält ihn die Tatsache, wie er Grünsteins Zug im Trubel der Zeit vergessen konnte. Mit der Grünstein-Variante wäre er der King unter den Königsjägern auf 64 Feldern.

Das preisgekrönte Hörspiel mag schon einige Jahre alt sein, es entfaltet dennoch heute noch seinen Charme, nicht allein, weil die Geschichte so tragikomisch wie spannend ist. Die das Stück tragenden Stimmen erwecken die jeweiligen Figuren zu einem alterslosen Leben. Kurt Böwe als der freundlich grummelnde, polternde Seebär Lodek. Wolfgang Greese als der bedächtige, auf Gott bauende Grünstein, der in Morgenstunden liebevoll vom Schächten träumt. Horst Hiemer als der ergebene Monarchist, der die deutsche Sprache mit Hilfe von Kochbüchern erlernte.

(Als der Dlf das Stück neulich sendete, vergriff man sich im Abspann und benannte Schauspieler, die nicht im Hörspiel zu hören, wohl aber in der Verfilmung von B. Wicky aus dem Jahr 1985 zu sehen waren.)
Oktober 2018

ANARCHIE DER LIEBE
Feature von Z. Solomun und H. Oostinga, Dlf 2018

Michail Bakunin war Antreiber und Gründer, Schreiber und Querdenker. Er war Schuldner, Flüchtender und Ehemann. Bakunin rauchte viel, hatte Übergewicht und spielte gern Klavier. H. M. Enzensberger, der selbst mit Radioarbeiten sein Schaffen begründete, schrieb 1971 über M. H. B.: Erinnerst du dich, Bakunin? Immer dasselbe. Natürlich hast du gestört. / Kein Wunder! Und du störst heute noch. Verstehst du? Du störst / ganz einfach. Und darum bitte ich dich, Bakunin: kehr wieder.

Solomun und Oostinga stellen Bakunins Ehe zu der siebenundzwanzig Jahre jüngeren Antonia in den Mittelpunkt ihrer Rundfunkarbeit. Dieses Bündnis spiegelt recht anschaulich die Gedankenwelt des russischen Anarchisten, der er auch war. Als Antonia den jungen Carlo Gambuzzi kennenlernt, stellt es ihr Ehemann frei, zu ihm zu ziehen, um mit ihm zu leben. Man könne schließlich nur einen Menschen lieben, so Bakunin, wenn man sich vollständig von all den Besitzansprüchen befreit. Mit anderen Worten, Eifersucht war für Bakunin ein Relikt der Gesellschaft, gegen die er zeitlebens kämpfte. Seine Ehefrau entschied sich für ihren älteren Ehemann. Und so anerkannte Bakunin die drei Kinder, die Antonia mit ihrem Geliebten hatte, als seine Kinder an.

Das Feature bedient sich der Briefe, die die Beteiligten hinterließen. Die Klaviermusik bietet genügend Raum, einzelne Sätze oder Behauptungen wirken zu lassen.

Juli 2018

SCARDANELLI
Hörspiel von Stephan Hermlin, 1970, WDR

Stephan Hermlin war ein ostdeutscher Lyriker, Übersetzer und Prosaautor. Er lebte von 1915 bis 1997. Sein Hörspiel Scardanelli wurde 1970 vom WDR und gleichzeitig vom DDR-Rundfunk produziert. Allein die Parallelinszenierungen belegen, was der Autor stets von sich behauptete: Er sei ein deutscher Autor. Und: Er sei ein bürgerlicher Autor. Hermlin galt als Freund von Erich Honecker, was den Dichter nicht daran hinderte, 1976 gegen die Ausbürgerung von W. Biermann zu protestieren. (Der Nachruf von seinem einstigen Dichterfreund G. Kunert geht zurückhaltend und ohne Häme auf diese und andere Widersprüche von Hermlin ein.)

Das Hörstück Scardanelli ist der Versuch einer Annäherung an Friedrich Hölderlin und dessen letzten Lebensjahre. Menschen aus seinem unmittelbaren Umkreis kommen zu Wort, aber auch jene, die von ihm eine Meinung, aber kein Bild haben. Es werden Vorurteile ausgetauscht, Zweifel geäußert und Vermutungen aufgestellt. Kaum merklich bewegt sich der ungebremste Redestrom auf den Poet zu, der seit Jahren in einem Turmzimmer am Neckar sitzt. Wenn der in der Metrik bestens versierte Dichter nicht im Selbstgespräch vertieft ist, wird er gerade von einer heftigen Unruhe drangsaliert. Mit Scardanelli unterschreibt Hölderlin einem Besucher ein Gedicht.

Vor vielen Jahren besuchte ich den letzten Aufenthaltsort von Hölderlin in Tübingen. Nach meinem Ausflug wurde ich gefragt, ob ich den Geist des Dichters spüren konnte. Damals habe ich mit der Frage wenig anfangen können. Heute denke ich, wie reizvoll es wär, Hermlins Hörspiel bei einem neuerlichen Gang im Turmzimmer zu hören.
Juni 2018

DIE STUNDE DER WAHRHEIT
Hörspiel von Ror Wolf, hr 1974

Die Geräuschkulisse bei einem Fußballspiel kann verstören. Da sind die Spieler, die sih auf dem Platz, Dinge zurufen. Da sind die Trainer, die von außen ihren Jungs letzte, ultimative Ratschläge erteilen, damit sie das runde Leder ins Eckige bringen. Und da sind die Fans auf den Tribünen, die in sich Spieler, Trainer und eben Fan vereinen und somit mit ihrer Meinung nur schwer hinter dem Berg halten können.

Ror Wolf zählt zu den sprachmächtigen Autoren der Republik. Neben seinen unzähligen skurrilen Versen und Radierungen ist Wolf bekennender Fußballfreund. In Die Stunde der Wahrheit spürt er die Stimmen und Stimmungen in einem und vor einem Stadion auf. Mit der ausschließlichen Verwendung von Originaltönen vermittelt er eine Atmosphäre, die neben Spannung auch ungeheuer viel Komik verbreitet. Denn darin macht nun mal der Fußball keine Ausnahme: In jeder Leidenschaft ruht Komisches. Die Reporter, die sich mit den immer gleichen Wortschablonen durch die Halbzeiten mogeln. Die Spieler, die versuchen zu erklären, wie es ihnen vor einem Match geht. Die kenntnisreichen Analytiker, denen allmählich klar wird, dass sie das, was sie bereits wussten, mit jedem Bier noch besser wissen. Und nicht zu vergessen die rustikalen und wenig zimperlichen Gesänge der Fanblocks, die mit ihrer entschlossenen Robustheit an marschschritttaugliche Soldatenlieder erinnern.

Da das Stück aus dem WM-Jahr 1974 stammt, fallen diverse Ohrschmeichler für die reiferen Freunde des Fußballsports: Beckenbauer, Netzer und Grabowski. Während die Herren heute in maßgeschneiderten Anzügen ihre Profession auf unterschiedlichen Podien präsentieren, liefen sie einst im verschwitzten Trikot dem Leder hinterher – und dies meist äußerst erfolgreich.
Juni 2018

DIE ASTRONAUTIN
Hörspiel von Thomas von Steinaecker, BR und WDR 2018

Deibre* Baumann ist auf dem Weg zu einem Planten. René, der Bordcomputer, weckt sie aus dem Tiefschlaf, der helfen sollte, die lange Wegstrecke sinnvoll zu nutzen. Nachdem der Computer das Erinnerungsvermögen, die Reflexe und Emotionen seiner Vorgesetzten geprüft hat, tauschen sich beide den Stand der Dinge aus. Und der könnte besser aussehen. Der Kontakt zur Erde ist nicht nur abgebrochen, die Erde existiert nicht mehr.

Thomas von Steinaecker, Jahrgang 1977, ist ein ungemein produktiver Autor. Zu den unterschiedlichsten Sachverhalten hat er veröffentlicht, neben Romanen, Drehbücher und Hörspiele, rezensiert er Comics.

Sein Hörspiel Die Astronautin konzentriert sich auf Deibre und dem Bordcomputer. Dabei ist ein spannendes Kammerspiel entstanden, das einen Einblick in die Kapsel einer Raumfähre gewährt. Geräusche kommen sparsam zum Einsatz und Musik findet Anwendung, wenn es um das Erinnern der Astronautin geht.

Wenn der Filmfreund bei dem Hörspiel an Moon denkt, mag dies sogar gewollt sein. Der Streifen von Duncan Jones aus dem Jahr 2009 überraschte mit einem Antispektakel. Freunde der utopischen Filme ließ Moon aufhorchen, weil der ohne das übliche Getöse auskam. Stattdessen behandelte er die Geschichte zwischen dem Astronauten Bell, der aus dem Tiefschlaf erwacht und Getty, dem Bordcomputer.

* dass der Name wie Debri ausgesprochen wird und somit phonetisch der Abkürzung für eine zu behandelnde Verstimmung gleicht, mag als zarter Hinweis auf die seelische Verfasstheit der Astronautin gelten

Mai 2018

FUCHTEL UND ICH
Wie man dem Charme eines Politikers widersteht
Feature von Rainer Schildberger, DLF 2018

Hans -Joachim Fuchtel sitzt seit dreißig Jahren für die CDU im Deutschen Bundestag. Wer sich so viele Jahre im Hohen Haus aufhält, der muss über genügend Sitzfleisch verfügen. Vor allem muss er aber kommunikativ sein. Dem Autor und Journalisten Rainer Schildberger gewährte er folgerichtig, ihn für eine Weile bei seinen beruflichen Wegen zu begleiten. Mit Mikrofon und Aufnahmegerät. 

Schildberger, der im Feature von Torben Kessler* gesprochen wird, ergreift beherzt die Gelegenheit. Er weiß, dass solche Chancen eher selten sind. Obwohl der Job auch seine Tücken hat. Spätestens seit der preisgekrönten Spiegel-Reportage von Markus Feldenkirchen, der den einstigen Kanzlerkandidaten Schulz während der Wahl 2017 begleiten durfte, weiß jeder, wie schwer es ist, der Entzauberung eines Heilbringers lediglich als Chronist beizuwohnen.

Zunächst findet Schildberger nicht den richtigen Zugang zu dem aus Sulz am Neckar stammenden Vollblutpolitiker. Als der Autor endlich die notwendige Nähe für wichtige und konträre Fragen gefunden hat, befällt ihn eine Beißhemmung. Bei jedem anderen Journalisten hätte diese Schwermut des Kauwerkzeugs zum sofortigen Abbruch der Gesprächsanbahnung geführt. Schildberger kämpft wacker weiter. Wer sich lange genug in der Nähe eines wichtigen Mannes bewegt, freut sich bald über ein prosperierendes Selbstwertgefühl. 

Bekommt in dem Feature der Politiker reichlich Raum, sich und seine Sichten zu erklären und mit seinem stark dialektgefärbten Basston seine Arbeit als Griechenlandbeauftragter der Bundeskanzlerin zu erläutern, ist der Part von Schildberger in mindestens zwei Personen gesplittet. So wird der Hörer Zeuge von der latenten Unsicherheit des Journalisten, der sich permanent selbst in Frage stellt. Und da Fuchtel, der wirklich so heißt, mehreren Blaskapellen vorsteht, lockert ein marschschrittartiges Gemisch aus vielen Tuben, Klarinetten und Pauken das Ganze auf.

Wie Schildberger dem Charme des Politikers widerstand ist unterhaltsam zu verfolgen, wenn auch die eindeutige Antwort ausbleibt.

*) ehemaliges Mitglied des Leipziger Schauspielhausensemble (so siel Lokalpatriotismus darf an dieser Stelle erlaubt sein)
Mai 2018

AUCH DEUTSCHE UNTER DEN OPFERN
von Tuǧsal Moǧul, WDR 2017

Das Hörspiel macht sprachlos. Und dies nicht allein, weil in knapp sechzig Minuten in einem atemberaubenden Tempo gesprochen wird, der schwindlig macht. Nach 400 Verhandlungstagen im NSU-Strafprozess unternimmt der Autor den Versuch, die Geschichte zu erzählen, die dem Prozess zu Grunde liegt. Neben den zehn Morden, zwei Bombenanschlägen und zehn Raubüberfällen sind es aber auch die Pannen und falschen Verdächtigungen der Ermittler und der zuständigen Organe, die zur Sprache kommen.

Werden die Morde im Stakkato nacherzählt, bedient Moǧul, studierter Anästhesist und Notarzt und Schauspieler, bei der Nebenhandlung die Märchen- oder Sendung-mit-der-Maus-Form. Dies wirkt durch den kindgerechten, erklärenden Ton zuweilen komisch, ja sarkastisch, doch das Lachen bleibt beim Hören im Hals stecken. Zitate wie: „Dies Art der Hinrichtung – so können Deutsche nicht morden“ spiegeln exemplarisch, welches Geistes Kind die Grundlage jahrelanger Ermittlungen war. Es kann nicht sein, was nicht sein darf. Selbst die Medien zeigten sich in ihrer Einschätzung der Fälle resistent, in dem sie den euphemistischen Terminus ‚Dönermorde‘ von den Behörden übernahmen. Dass der Begriff 2012 zum Unwort des Jahres gekürt wurde, war ein Feigenblatt und linderte den bitteren Beigeschmack keineswegs.

Zwischen den Passagen der Recherche für den Funk wird die eingängige Melodie vom Rosaroten Panther intoniert. Jene lockere Taktfolge, die der NSU in seinem Bekennervideo verwandte, wird zum Jingle. Durch die Dauerschleife büßt er jegliche Belanglosigkeit ein und entpuppt sich rasch als giftiger Ohrwurm.

Inzwischen geht man im Münchner Strafjustizzentrum seit fünf Jahren der Wahrheit auf den Grund, so dass der sogenannte NSU-Prozess am 26. April 2018 seinen 421. Verhandlungstag* zählte. Die Rechtsanwälte der Hauptangeklagten sind dabei, ihre Plädoyers zu halten. Und wie es aussieht wird der Prozess zeitiger sein Ende finden, als es Moǧul in seinem Stück mit 2021 prophezeit.

*) bei rund 150.000 Euro pro Verhandlungstag
Mai 2018

DIE SIEBEN LEBEN DER MARINA ABRAMOVIĆ
Der Körper als Kunstwerk
von Nina Hellenkemper, 2014
 

Wenn jemand die Kunst der Performance in die Galerien und Museen der weiten Welt gebracht hat, dann nicht allein Marina Abramović. Doch ihr ist es zu verdanken, dass über die Kunst gesprochen wird. An Abramović scheitern sich die Geister. Ihre selten lebensfreundlichen Aktionen aktivieren automatisch die Meinungsbildung. Enthusiastische Lobeshymnen halten sich mit den schmähenden Buhrufen konstant die Waage.

Die Frau ist ausdauernd, furchtlos und resistent gegenüber Schmerzen. Den eigenen wohlgemerkt. Denn weh muss es tun, was sie macht. Bis zum Umfallen, bis zur Ohnmacht stellt Abramović sich und ihren Körper als Kunstwerk zur Schau. Nicht allein die Qualen und das erlittene Leid, die durch die Übungen stimuliert werden, schlägt die Brücke zur Selbstgeißelung, der ewigen Sinn- und Gottsuche, der Exerzitien.

Das Typische einer Performance ist ihre Flüchtigkeit, ihre künstlerische Größe oder Banalität weilt einen Moment. Die Werke sind nicht mal eben an die Wand zu hängen oder in Vitrinen zu legen. Die Freude an dem Geschaffenen ist begrenzt. Bei Abramović dauert die gern mal sechs oder acht Stunden. Doch dann ist der Zauber vorbei. Inzwischen hilft das Internet, um sich einen Eindruck von den Arbeiten der serbischen Künstlerin zu verschaffen. Oder man nutzt die Retrospektive in der Bundeskunsthale in Bonn, die bis Mitte August 2018 der außergewöhnlichen Frau gewidmet ist. 

Eine Performance lebt vom Visuellen. Somit ist ein Feature für den Hörfunk, das sich der Ikone der Kunstform annimmt, ein gewagtes Experiment. Es erinnert an das Schwimmen ohne Wasser. Man geht nicht unter, aber nass wird man dabei auch nicht. Dennoch fängt Die sieben Leben der Marina Abramović gut das Pathos ein, der wichtiger Bestandteil dieser Kunst mit dem Körper ist. Und Abramović kommt in dem Essay selbst zu Wort. Tiefenentspannt erläutert sie ihre Wege und Sichtweisen. Unterbrochen werden ihre Ausführungen durch die Stimmen ehemaliger Mitstreiter wie ihrem langjährigen Partner Ulay. Daneben ist es die Musik, die in bewährter Weise hilft, fortwährend Spannung zu minimieren und gleichsam zu erzeugen. So passt es, dass der Hörer auf einen Sänger trifft, der mit seiner Stimme die Grenzerfahrung ansteuert, die Abramović große Triebfeder zu all ihren Inszenierungen ist. Antony Hegartys brüchige Stimme und ungemein verletzlich schwirrende Töne erzeugen einen ganz eigenen Kosmos. Kein Wunder, dass Hegarty auf dem Wunschzettel für die Beerdigung der Performerin steht, denn natürlich hat Abramović längst ihre letzte Aktion geplant.
April 2018

HÖRSPIEL
Hörspiel von Peter Handke, Produktion 1968

Zurzeit ist das Jahr 1968 in fast alle Munde. Aus gutem Grund. Fünfzig Jahre sind fünfzig Jahre sind fünfzig Jahre. 1968 stürmen The Doors mit ihrer dritten Platte Waiting for the Sun die amerikanischen Charts. In Frankreich und in Westdeutschland ziehen es die Studenten vor, auf die Straße zu gehen statt in den Hörsälen zu dösen. Und Meister der Fußballbundesliga wird der 1. FC Nürnberg, während in der DDR-Oberliga sich der FC Carl Zeiss Jena den Pokal erspielt.

Genau in dem Jahr, das reich an Ereignissen und Katastrophen war, überraschte ein noch sehr junger Autor den deutschsprachigen Raum mit einem Hörspiel. Das Fernsehprogramm war 1968 selbst für Brillenträger überschaubar. Und die Sendepause wurde noch als erzieherische Zäsur eingesetzt, damit die Zuschauer hin und wieder anderen Dingen nachgehen konnten. Es ist also anzunehmen, dass dem Radio mehr Interesse entgegen gebracht wurde als fünfzig Jahre später. 

Mit seinen Theaterstücken Publikumsbeschimpfung und Kaspar hatte sich Handke bereits in Stellung gebracht und eindringlich vorgegeben, welche Reise ihm vorschwebt. In Hörspiel dekliniert er den denkbaren Sprachmüll, der bei einer unfreiwilligen Begegnung anfällt. Minutiös führt Handke die Floskeln und Worthülsen auf, mit denen sich der Mensch in Szene setzt und sich gleichsam äußerst erfolgreich abschirmt. „Wie geht es Ihnen?“ „Soll ich das Fenster schließen?“ „Möchten Sie darüber reden?“ Freundlichkeiten verlieren ihren Charme, werden sie in einer anderen Tonlage gesprochen. Und Wortgirlanden schmeicheln bedrohlich um den Hals, bis sie noch im Strangulieren vorgeben, nur kuscheln zu wollen.

Handkes Hörspiel untermauert auf eine sehr unterhaltsame und kurzweilige Art das hartnäckige Gerücht, dass Sprache als ein seit Jahren bewährtes Instrument der Folter gilt.

April 2018

RESTWÄRME
Hörspiel von Eugen Ruge, 1992
gesprochen von Dieter Mann

Ein Mann ohne Name und Alter bereitet sich auf ein Bewerbungsgespräch vor. Es ist kurz nach der sogenannten Wende und der Bewerber trägt noch eine gewisse Restwärme an kommunistischer Gesinnung in sich. So füllt der Mann die morgendlichen Stunden vor dem wichtigen Gespräch mit einem nicht enden wollenden Monolog. Vorsorglich taxiert er alle möglichen Eckpunkte und Gefahrenquellen, die auf ihn lauern: Feuchter Händedruck, ein Bläschen im Mund, unsicherer Blick. „So was merken die Leute!“ Schließlich weiß er sich, durch gutes Zureden, bestens vorbereitet, ist gestärkt und fühlt sich taff – sodass seine Stimmung (wie seine Stimme) unweigerlich kippen muss. Als Schatten seiner selbst hält er mit dem vermeintlichen Personalchef einen kleinlauten Dialog. Der Bittsteller ist demaskiert, indem er sich nicht mehr gegen die Rolle des Verlierers stemmt, findet er wieder zu sich.

Das Hörstück glänzt mit einer Komik, die ohne albernes Gehabe auskommt, der Autor weiß virtuos aus der Tiefe einer an sich schon bizarren Szenerie zu schöpfen: Einem Bewerbungsgespräch haftet mit seiner steifen Erhabenheit immer etwas Komisches an.

Dieter Mann leiht dem Bewerber seine Stimme. Und es ist eine Freude, ihm dabei zuzuhören. In einem Atemzug wechselt das grenzenlose Selbstbewusstsein des Bewerbers mit einer seelischen Zerrissenheit, der nur noch mit einer Therapie beizukommen ist. Mann gehört zur Alten Schule, seine Wertschätzung gilt jeder Endung, jeder Silbe. Sein Zauber beruht auf ein schlichtes Handwerk, der sauberen Artikulation.

Eugen Ruge studierte Mathematik, arbeitete am Zentralinstitut für Physik und bei der DEFA. 1988 siedelte er in die BRD, um Theaterstücke, Romane und Hörspiele zu verfassen. Dank seiner Russischkenntnisse übertrug er auch einige Stücke von Tschechow ins Deutsche. 2011 wurde Ruge für seinen Roman In Zeiten des abnehmenden Lichts mit dem Deutschen Buchpreis geehrt.
April 2018

AUSBRUCH
Hörspiel von A. Weber-Schäfer
nach Heinz-Joachim Frank, WDR 1973

Kriminalliteratur verfügt über viele Reize. Eine nicht zu unterschätzende Verlockung liegt neben der meist märchenhaften Auflösung, dass in diesem Genre soziale Missstände benannt werden können, ohne dass sich der Leser gelangweilt abwendet. Bei Geschichten, die sich der SF-Literatur beheimatet fühlen, können dagegen die absonderlichsten Gesellschafts- und Denkmodelle verhandelt werden, dienen sie ja einzig unserer Unterhaltung. Ein leichter Grusel und ein sanfter Schauer sind bei den genannten Gattungen inbegriffen. Solange wir in den Geschichten genügend fiebrige Spannung vorfinden, welche uns elektrisiert und genüsslich entspannen lässt, stimmen wir jedem noch so verwegenen Schusswechsel, jedem noch so schmerzlichen Untergang dieser und anderer Welten zu. 

H.-J. Frank verlagert seine Geschichte Ausbruch in das Jahr 1993. Ein paar Wissenschaftler werden zu einer hochgeheimen Expedition entsandt. In 6000 Meter Tiefe sollen sie in einem noblen Unterseeboot wissenschaftlichen Experimenten nachgehen. Doch es kommt anders. Die Auftraggeber lassen die Wissenschaftler sterben, damit sie in programmierter Form dreimal so schnell arbeiten und die gewünschten Resultate liefern können. Einer der Wissenschaftler, der eigentlich tot ist und im Beisein seiner trauerenden Frau beerdigt wurde, kommt dem Schwindel auf die Schliche und mobilisiert einige Vertraute der Außenwelt, um die Sache aufzudecken. Der Professor betreibt quasi Whistleblowing aus dem Jenseits.

Das Hörspiel lebt von Handlungen, die nur andeutet werden, diese Lücken aktivieren das Gehirn des Hörers. Szenen, die das Ganze zum Ganzen machen, entstehen zwischen den Ohren.

Allein die obligatorische Rettung bleibt aus. Die Geschichte von H.-J. Frank zaubert dem Hörer kein zufriedenes Lächeln ins Gesicht, weil sich am Ende alle wieder lieb haben. Der Erzähler ist Realist genug, um dem Hörer eine Wirklichkeit unter die Nase zu reiben, die bitter aufstößt: Was als ein möglicher Ausbruch eines hellen Köpfchens daherkommt, entpuppt sich für die wissenschaftliche Mannschaft als jäher Einbruch ihrer Hoffnung.

April 2018

AUS DEM KASSETTENARCHIV EINES RADIKALEN INTERVIEWERS
Feature von Sonya Schönberger und Norbert Lange, Ursendung 2018

Als der Journalist André Müller 2011 starb, hinterließ er eine Vielzahl von Tonbandkassetten. Auf den Tondokumenten waren jene Gespräche, die Müller bekannt und berüchtigt machten. „Sie sind ja wirklich eine verdammte Krähe!“, rief Alice Schwarzer aus, als Müller die Frauenrechtlerin mit seinen Fragen nervte, in die Enge trieb und provozierte. Der Ausruf von Frau Schwarzer hing Müller fortan an, er war gezeichnet und gleichzeitig geehrt.

Kaum eine bedeutende bundesrepublikanische oder österreichische Persönlichkeit, die sich nicht mit seinen Fragen martern ließ. Müller, der sich detailliert auf seine Partner vorbereitete, hatte stets das eine Ziel: Ohne aufwendiges Gelaber wollte er seine Leben-und-Tod-Fragen stellen: Was hält Sie am Leben? Oder: Wie leben Sie mit dieser Verzweiflung? Und: Warum haben Sie sich noch nicht getötet?

Das Feature Aus dem Kassettenarchiv eines radikalen Interviewers lebt von der aufbrausenden, fordernden Stimme Müllers und den verschiedenen Soloinstrumente, die den Part der Interviewpartner widergeben. Anfangs baut die Symbiose von Müllers Stimme und der Musik eine Spannung auf, die reiz- und geheimnisvoll ist. Auf Dauer jedoch strengt das Mittel der musikalischen Verfremdung an. Zu gern wäre ich zum Beispiel den Stimmen von Reich-Ranicki, Koeppen oder Dolly Buster gefolgt statt den Klängen einer Posaune, eines Saxofons oder einer Violine.
März 2018

SABETH
Hörspiel von Günter Eich, 1951
Produktion von 1953, hr

Lange vor dem Zweiten Weltkrieg schrieb Günter Eich Gedichte und Hörspiele. Viele der Arbeiten sind verloren gegangen. Nach dem Krieg arbeitete Eich weiter für den Rundfunk.

Sabeth zählt zu den weniger gespielten Stücken, es stammt aus dem Jahr 1951, Eichs produktivste Zeit. In einer abgelegen Kleinstadt erfährt die Lehrerin durch ihre Schülerin Elisabeth von einem sprechenden Raben. Natürlich zweifelt die Lehrerin die unter Tränen hervorgebrachten Aussagen des Mädchens an. Doch das Kind schildert das ungewöhnliche Tier so gefühlvoll, dass die Lehrerin neugierig wird und das Gehöft der Familie besucht.

Indem der Rabe Sabeth bei den Eltern von Elisabeth ein Zuhause findet und zu sprechen lernt, verliert er jeglichen Kontakt zu seinen Artgenossen. Mehr noch, eines Tages muss der Vogel feststellen, dass er der einzige seiner Art weit und breit ist. Zwar freut sich der Vogel über die Nähe zu den Menschen, gerade das Lachen von Elisabeth rührt ihn, doch zunehmend leidet er an seiner Sonderrolle. Die Aussage, dass Integration oft mit Ab- und Ausgrenzung einhergeht, verliert durch den aufdringlichen Bezug aufs Heute nicht an Gültigkeit. Schließlich verschwindet der Rabe ohne zu verschwinden: Er ist einfach nicht mehr da.

Während die Erwachsenen sein Verschwinden zurückhaltend kommentieren, übernimmt Elisabeth die aktive Suche. So steht sie manchmal während des Unterrichts auf und geht ans Fenster. Und spricht die Lehrerin das Mädchen darauf an und sich die Schülerin zu der Lehrerin dreht, schaut diese das Gesicht des Raben.

Im Gedicht Der Rabe von E. A. Poe versucht der Erzähler, seine Geliebte Leonore zu vergessen. Als Sinnbild ‚trauervoller und nie endender Erinnerung‘ beschrieb Poe 1845 seinen gefiederten Protagonisten. Auch der suchte die Nähe zu den Menschen, obschon aus einem anderen Beweggrund wie seine sprachliche Leistung überschaubar blieb. In die hehre Vorgabe des Erzählers, vergessen zu wollen, krähte der Rabe sein sattes: „Nimmermehr.“  

Eich erzählt seine Geschichte spannend und schlüssig. Da er um die Erwartungen des Hörers weiß, unterwandert er diese – ohne dabei halsbrecherische Volten zu schlagen. Die mal sanft märchenhafte, dann wieder poetisch realistische Handlung wird von den Monologen und Dialogen getragen, mit Musik, jener gern eingesetzten weiteren Figur in Hörstücken, geht der Regisseur wohltuend sparsam um.
März 2018

DIE BLUSE
Hörspiel nach einer Erzählung von von Hermann Harry Schmitz
Ursendung 2002

Die Männer kennen das, ein simpler Kauf einer Bluse kann zur radikalen Existenzvernichtung ausarten. Es sind die Bagatellen des nur scheinbar überschaubaren Alltags, die uns (Männer) in den Irrsinn taumeln lassen. In der Groteske Die Bluse ist es der Neffe, der seiner Tante Dorchen beim Kauf behilflich sein will und dabei eine ernüchternde Höllenfahrt erlebt, die ihn und sämtliche Verkäuferinnen altern lässt, während die immer agiler werdende ältere Dame noch ‚Häkchen für hinten‘ benötigt.

Da ist das Warenhaus*, das durch seine Treppen und Gänge, durch seine Etagen und Abteilungen ein grenzenloses Wirrwarr stiftet statt durch eine klare Ordnung und einer eindeutigen Struktur unserem Haben-Wollen genüge trägt. Und da sind die Aufzüge, die sich liebdienernd als sanfte Sänfte anbieten, die einen nach oben wie nach unten schieben, auch wenn sie menschenverschlingende Moloche sind, in denen man, bei einem fiesen Technikstreik, wenn nicht zerquetscht wird, dann doch verhungert.

Der Erwerb (einer Bluse) als mahnendes Sinnbild einer endlichen Katastrophe. Kaufen befriedet keineswegs, vielmehr nährt es einen neuen Mangel.

Hermann Harry Schmitz war zeitlebens ein Übertreiber. Dafür stehen seine Geschichten und Glossen sowie sein Auftreten als Alleinunterhalter. So war der krachende Abgang des Laut-Sprechers und ‚Dandy vom Rhein‘ im Jahr 1913 nur zwangsläufig: Mit dreiunddreißig Jahren wählte Schmitz für sich den Freitod. Damit sein Bekanntheitsgrad einmal an die gefühlte Temperatur seiner verstreuten Überzeichnungen heranreicht, trommeln eifrige Fans mit Ausstellungen und Lesungen heute noch in seiner Heimatstadt Düsseldorf

* Das Haus der Waren (und nicht, so viel Belehrung darf gestattet sein, das Kaufhaus) bildet beispielhaft als tempelartige Einrichtung der mannigfach zu beschwörenden Götter, den stillen Argwohn der eine Bluse kaufenden Tante gegenüber allen neuartigen Dingen ab. Dass Dorchen im Grunde nach einem passenden Stoff sucht, um sich die Bluse selbst zu nähen, zeichnet nur folgerichtig die konsumkritische wie radikalautonome Denk- und Lebensweise der älteren Dame ab.

Erwachte das Warenhaus erst Mitte des 19. Jahrhundert zur vollen Blüte, bot das Kaufhaus schon lange davor feinste Stoffe oder hochpolierte Töpfe und Tiegel dem solventen Konsumenten an.
Februar 2018